Jetzt kommt die Zeit des Rückbaus

...Ulrich Lammers wollte eigentlich "eher Seelsorger sein, aber das ist in diesen Zeiten sehr schwierig. Da jagt schon mal eine Krisensitzung die nächste", meinte der Evangelische Pastor, der sich zunehmend zum Finanzmanager in schweren Zeiten entwickelt. -

Von Pit Schneider -

- Die Evangelische Gemeinde in Waltrop hat kein Geld mehr, das Wort vom "strukturellen Defizit" macht die Runde. Das bedeutet, dass mehr Geld ausgegeben wird, als hereinkommt. Nicht im gleichen Verhältnis wie bei der Stadt Waltrop, aber die Zeichen mehren sich, dass es nicht besser wird. Im laufenden Jahr bleiben bei einem Etat von 1,3 Mio. Euro 60 000 "Miese" übrig. Und das wird sich bis 2008 auf 150 000 Euro steigern.

Die Gemeinde hat die Reißleine gezogen und der Stadt mitgeteilt, dass sie ihren Anteil an den drei Kindergärten in ihrer Trägerschaft nicht mehr leisten kann. Erster Schritt: 2008 wird der Kindergarten "Regenbogen" am Stadtpark geschlossen. Das ist auch für die Stadt zu verkraften, weil ohnehin die Anzahl der Kindergartenkinder sinkt. Doch damit allein können die Strukturprobleme der Gemeinde nicht aufgefangen werden. "Wir werden mit der Stadt verhandeln müssen, welche Zuschüsse wir noch bekommen", meinte Lammers im Gespräch mit unserer Zeitung. Die Gemeinde bekommt schon mehr, als ihr eigentlich zusteht. "Und das müssen wir weiter bekommen, sonst sieht es finster aus", meinte Lammers.

Die Anzahl der Gemeindemitglieder sinkt, und logischerweise auch die Kirchensteuer. Im laufenden Jahr gibt es 331 000 Euro für die Gemeinde, 2009 werden es etwa 100 000 Euro weniger sein.

Weitere Überlegungen zu möglichen kostensparenden Maßnahmen machen die Runde, und die Gerüchte in Waltrop ranken sich um das Gemeindezentrum Braßkamp-Arche. Von der Schließung des Jugendzentrums bis zum Umbau der gesamten Arche in ein Seniorenwohnheim gehen die Spekulationen. Lammers will sich hier auf keine konkrete Aussage festlegen und meint: "Da ist noch nichts spruchreif. Wir überlegen in diverse Richtungen, weil die Schließung des Kindergartens Regenbogen nicht ausreicht."

Dabei schreitet Lammers auch dem Vorwurf entgegen, der 1,75 Mio. Euro teure Bau des neuen Gemeindezentrums habe die Gemeinde in die finanzielle Schieflage gesteuert. "Die Finanzierung steht, das Gemeindezentrum ist nicht der Auslöser", meinte er gegenüber unserer Zeitung.

Im neuen Gemeindebrief, der in den nächsten Tagen verteilt wird, schreibt Lammers, dass alles auf den Prüfstand gestellt wird: "Welche Gebäude, welche Einrichtungen, welche Arbeit können wir noch halten - und welche müssen wir aufgeben?" Trotz initiierter Spendenaktionen werde "das Presbyterium unliebsame Entscheidungen fällen müssen, Entscheidungen, die seit Bestehen unserer Kirchengemeinde noch nie getroffen werden mussten".

Unliebsame Entscheidungen

Früher konnten Arbeit, Personal und Kosten bedenkenlos ausgeweitet werden, "jetzt kommt die Zeit des Rückbaus", formulierte er im Gespräch. Man müsse zusammenrücken, und das hat das Presbyterium offenbar getan. "Wir haben ein sehr gutes Pfarrteam, das den Namen wirklich verdient, und wir haben ein tatkräftiges und entscheidungswilliges Presbyterium. Das macht es ein bisschen leichter", da hier Entscheidungen "einmütig und ganz oft einstimmig" gefällt würden. Gemeinsam werde man nun daran gehen, "das Rad der Geschichte zurück zu drehen". Daten und Fakten

31. Mai 2006 | Quelle: ...