Nicht allzu oft hat der Landrat Grund, sich über
Leserbriefe in der Zeitung zu freuen. Denn aus den Städten
hagelt es oft Kritik an der Kreisverwaltung. Aber jener Schreiber aus
Waltrop, der fragte, ob auch er jetzt seine an die Stadt zu zahlende
Grundsteuer halbieren dürfe, ließ Jochen Welt frohlocken.
Besser, meinte er, könne man den Unsinn nicht auf den Punkt
bringen.
Von Michael Wallkötter
Die
Auseinandersetzung zwischen der Stadt Waltrop und dem Kreis
Recklinghausen um die Zahlung der Kreisumlage ist in eine neue Phase
getreten. Obwohl – so richtig gezofft haben sich die beiden
Lager bislang gar nicht. Eigentlich herrscht sogar Funkstille
zwischen dem Kreishaus und dem Waltroper Rathaus.
In der
Kämmerei des Kreises schauten die Geldverwalter am 10. Februar –
und in den Tagen darauf – gespannt aufs Konto. Sollte Waltrop
seine Ankündigung, nur die Hälfte der Kreisumlage zu
bezahlen, wahr machen? Und siehe da, es kam – nichts! Noch
nicht einmal die Hälfte der fälligen
1,05-Millionen-Euro-Monatsrate, mit der sich die Kommune an der
Aufgabenerfüllung des Kreises beteiligen müsste. Was dem
Landrat stattdessen auf den Tisch flatterte, war der offizielle
Widerspruch der Stadt gegen die Festlegung der Kreisumlage.
"Waltrop
prügelt den Falschen, weil der Kreis für die kommunale
Finanzmisere nicht verantwortlich ist", erklärten Jochen
Welt und Kreis-Kämmerer Georg Scholze am Mittwoch. Dass die
Schere zwischen Einnahmen und Ausgaben immer weiter auseinander
klaffe, sei allein auf die hohen sozialen Lasten, die die Region nach
dem Rückzug der Montanindustrie zu tragen habe, zurückzuführen.
Das Sparpotenzial der Städte und des Kreises sei hingegen
weitgehend ausgereizt, meinte der Landrat.
"Städte
können es auch nicht billiger"
Was der Kreis-Spitze
so richtig gegen den Strich geht, ist die Botschaft, die Waltrop mit
seiner deutschlandweit einmaligen Aktion in das Bewusstsein der
Öffentlichkeit bringt. Der Bürger müsse den Eindruck
gewinnen, dass der Kreis das Geld der Städte nur so zum Fenster
hinauswerfe. "Aber in Wirklichkeit erfüllen wir Aufgaben,
die allen Bürger, auch den Waltropern, zugute kommen",
meinte Welt.
Die Kreisverwaltung hat nachgerechnet. Wenn die
zehn Kommunen u. a. für das Gesundheitsamt, die
Lebensmittelüberwachung, die Berufskollegs, die Kreisstraßen
oder den öffentlichen Nahverkehr eigene Verwaltungsstrukturen
aufbauen müssten, würde das den Steuerzahler fünf Mio.
Euro mehr kosten. Die zentrale Aufgabenerledigung durch den Kreis sei
einfach preisgünstiger. Zudem müsse der Kreis über 90
Prozent der Kreisumlage (292 Mio. Euro) entweder direkt an
Landschaftsverband bzw. Regionalverband Ruhr durchreichen oder in den
Sozialhaushalt stecken. Welt: "In diesen Blöcken ist das
Einsparpotenzial für uns gleich Null."
Die
rechtswidrige Verweigerung Waltrops sehen Landrat und Kämmerer
als "politische Aktion, um auf die schlimme finanzielle Lage der
Städte in der Region aufmerksam zu machen". Das Signal sei
angekommen, so Welt und Scholze. Doch jetzt müsse Schluss sein,
weil die Bockigkeit der Ostvest-Stadt langsam anfange, Geld zu
kosten. Der Kreis muss den Millionen-Ausfall jedenfalls mit teuren
Überziehungskrediten überbrücken und wird nach einem
(erfolglosen) Mahnverfahren das Verwaltungsgericht einschalten
müssen. Der Streitwert ginge wohl in die Millionen. "Die
Kosten müssten am Ende alle Kreisstädte tragen", gab
Scholze zu bedenken. "Sieht so etwa Solidarität aus?"
01. März 2006 | Quelle: Recklinghäuser Zeitung